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Rede von Bürgermeister Heil zum Volkstrauertag 2017

Ansprache von Bürgermeister Heil anlässlich des Volkstrauertages am Sonntag, den 19. November 2017

Am Ehrenmal in Mittelheim


Sehr geehrte Pfarrerin Stern-Tischleder,

sehr geehrter Pfarrer Mani,

liebe Feuerwehrkameradinnen und –kameraden,

verehrte Vertreter der Reservistenkameradschaft,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich, dass Sie zur zentralen Gedenkfeier Oestrich-Winkels zum Volkstrauertag 2017 gekommen sind und heiße Sie alle herzlich willkommen.

Friedensnobelpreisträger Albert Einstein hat einmal gesagt, „Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens“.

Und so stehen wir heute vor diesem Ehrenmal, dass uns stellvertretend für alle Gräber gefallener Soldaten an das Grauen erinnert, das Kriege über die Menschheit brachten und in anderen Teilen der Welt immer noch bringen. Und das uns mahnt, alles in unserer Kraft stehende zu tun, um den Frieden zu bewahren.

Zuerst wollen wir an diesem vorletzten Sonntag vor dem ersten Advent mit einer Schweigeminute der Opfer von Krieg, Holocaust und Vertreibung gedenken, denn auch im Rheingau gab es nach den beiden großen Weltkriegen kaum eine Familie, die keine Gefallenen, Vermissten, Ermordeten oder kriegsbedingt Verstorbenen zu beklagen gehabt hätte.

Schweigeminute

Leider hat dieses Jahr, wie schon die Jahre vorher, wieder auf unheilvolle Art gezeigt, dass wir uns auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern des Friedens nicht jederzeit und an jedem Ort sicher sein können. Im Zuge der Globalisierung müssen wir immer wieder erleben, dass durch den internationalen Terrorismus bei uns Konflikte ausgetragen werden, die aus Kriegen resultieren, die am anderen Ende der Welt stattfinden.

Erst Anfang Oktober ersticht ein Islamist auf dem Bahnhof von Marseille aus heiterem Himmel zwei Menschen, die zufällig am selben Ort waren. Zwei Wochen vorher waren französische Soldaten in der Pariser U-Bahn Ziel eines islamistischen Messer-Angriffs.

Am 25. August jagten uns Messerangriffe auf offener Straße in London, Brüssel und Turku in Finnland Angst und Schrecken ein.

Bei einem Terror-Anschlag in Barcelona und im spanischen Ferienort Cambrils am 17. August 2017 – also mitten in der touristischen Hauptsaison – ermordet eine 12-köpfige islamistische Terror-Gruppe 16 Menschen und verletzte 130 andere.

Am 28. Juli 2017 ermordet ein Islamist in Hamburg einen Menschen bei einem Messerangriff und verletzt 5 weitere teilweise schwer.

Am 22. Mai 2017 kommt es zu einem terroristischen Anschlag während eines Konzerts in der britischen Stadt Manchester. 23 Menschen kamen ums Leben, 59 wurden verletzt.

Und diese Liste ist leider bei weitem nicht vollständig und könnte fortgesetzt werden. Und alles fand sozusagen vor unserer Haustür, mitten in Europa statt.

Daher wollen wir heute auch der Opfer aller terroristischen Anschläge in Deutschland, Europa und weltweit gedenken.

Auch wenn es sich bei der Mehrheit dieser Ereignisse um die Taten Einzelner handelte, die in manchen Fällen sogar kaum Kontakt mit den Ländern hatten, in denen der IS Krieg führt, so verunsichern uns diese Ereignisse doch stark. Wir fühlen uns einfach nicht mehr so sicher wie früher und fürchten, dass sich solche Tragödien wiederholen werden. Und ich gehe davon aus, dass sich jeder von uns schon einmal gefragt hat, ob das noch Frieden in Europa oder schon ein Krieg ist, der uns von außen aufgedrängt wurde?

Ein weiteres Beispiel dafür, wie gefährlich selbst Einzelpersonen für Demokratie und Frieden werden können, sind die sogenannten „Reichsbürger“, von denen wir auch welche in unserer Stadt und im Rheingau haben.

Nur etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass im mittelfränkischen Georgensgmünd ein Reichsbürger einen Polizisten erschoss und zwei seiner Kollegen verletzte. Im Januar dieses Jahres wurde dann bekannt, dass ein Reichsbürger aus Baden-Württemberg der Kopf einer rechten Terrorgruppe war, die Anschläge auf Juden und Asylbewerber plante und zum Glück gerade noch rechtzeitig entdeckt wurde.

Sogenannte Reichsbürger erkennen die Bundesrepublik nicht an. Sie behaupten, das Deutsche Reich bestehe bis heute fort. Zur ihrer Ideologie gehören die Ablehnung der Demokratie und das Leugnen des Holocausts. Die Bewegung wird aufgrund ihrer hohen Gewaltbereitschaft inzwischen bundesweit vom Verfassungsschutz beobachtet. Die Reichsbürger entstanden zwar schon in den 80er Jahren, seit 2010 treten sie allerdings verstärkt in Erscheinung.

Mir persönlich ist es völlig unverständlich, wie es Menschen geben kann, die den zweiten Weltkrieg und all die schrecklichen Ereignisse dieser Zeit leugnen können. Dies ist ein übler Affront gegenüber den Opfern und ihren Nachfahren und darf vom Rechtsstaat in keiner Weise toleriert werden.

Eine der jüngsten Entwicklungen in Europa, die uns Sorgen bereitet, ist das Geschehen um die Abspaltung Kataloniens von Spanien. Zum einen die Bereitschaft hoher Regierungsbeamter, sogar das Ende der Mitgliedschaft in der europäischen Union in Kauf zu nehmen, zum anderen das massive und gewalttätige Vorgehen gegen die Stimmwilligen, beides hat mich entsetzt.

Allen sei zugerufen, dass es an der Zeit ist für Einheit und Stabilität und nicht für Spaltung und Zersplitterung und das Gewalt nie ein Mittel der Politik sein kann. Sonst bleibt ein Scherbenhaufen zurück, mitten in Europa.

Wir müssen uns für den europäischen Gedanken einsetzen, der uns die vergangenen 70 Jahre Frieden beschert hat. Die europäische Union ist natürlich kein Garant für ein konfliktfreies Miteinander, nichtsdestotrotz ist ein Zusammenstehen der Länder der europäischen Union heute wichtiger denn je.

Die EU bildet den institutionellen Rahmen für ein friedliches Europa. Als Vermittler und Friedensstifter spielt die EU auch außerhalb Europas eine große Rolle bei der Lösung von Konflikten. Nicht zuletzt schützt die Europäische Union unsere Demokratie. Länder, die der EU beitreten wollen, müssen demokratische Standards einhalten, was dazu führt, dass die EU Anreize für Reformprozesse bietet. So werden alle Länder der EU langfristig in ihrer Demokratie gestärkt, stabilisiert und Kriegen vorgebeugt.

Der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, fasste dies treffend zusammen als er sagte: „Wer an Europa zweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen. Dort kann man sehen, wozu das Nicht-Europa, das Gegeneinander der Völker, das nicht miteinander Wollen und Können führen muss“.

Nicht zuletzt aber abschließend wollen wir noch der Kriegsereignisse der Vergangenheit in Oestrich-Winkel gedenken. Der Heimatforscher Walter Hell berichtet dazu in einer seiner Schriften:

Obwohl Oestrich-Winkel nie eigentliches Kampfgebiet war, mussten seine Bürger unter dem Krieg und seinen Folgen leiden. Fehlgeleitete Fliegerbomben, dauernder Tieffliegerbeschuss ab 1944 und der amerikanische Artilleriebeschuss von der anderen Rheinseite im März 1945 führten der Bevölkerung von Oestrich-Winkel vor Augen, dass der Krieg auch ihre Landgemeinden nicht ausnehmen würde.

Am 31. 12. 1944 traf eine Fliegerbombe die Landungsbrücke und das Agenturgebäude der Köln-Düsseldorfer in Oestrich. Am 2. 2. 1945 wurde das Haus Nr. 24 in der Oestricher Landstraße total zerstört, während am selben Tag eine Luftmine in der Nähe der Römerstraße zu Gebäudeschäden führte.

Winkel lag am 20.3. zum ersten Mal unter amerikanischem Beschuss von der linken Rheinseite, bei dem es auch zu Toten und Verwundeten kam. Getroffen wurden Häuser in der Hindenburgstraße (heute Hauptstraße). Drei Tage später war etwa die Hälfte der Häuser in der Schwarzgasse beschädigt, so auch die dort gelegene Volksschule und der Kindergarten. Das Rathaus und die Kirche wurden ebenfalls beschossen. In Mittelheim lag der Bahnhof im März 1945 unter ständigem Artilleriefeuer. Das Anwesen der Familie Kauter und das Gasthaus Nikolay („Bohnesupp“) blieben nicht unbehelligt.

Alle Oestrich-Winkeler, wie auch alle anderen Bürgerinnen und Bürger, die Gewalt, Krieg und Terror zum Opfer gefallen sind, ehren wir heute mit unserem Andenken. Wir werden sie nicht vergessen.

Wir gedenken auch aller deutschen Soldaten, die sich im Auslandseinsatz befinden und ihr Leben für unser Land riskieren.

Wir dürfen nie vergessen, dass Friede nicht selbstverständlich ist. Wir sind alle aufgefordert, unseren Beitrag zum Erhalt des Friedens zu leisten. Für ein friedvolles Miteinander sind Achtung und Toleranz gegenüber unseren Mitmenschen unabhängig von ethnischer Herkunft oder persönlicher Weltanschauung entscheidend. Das wollen wir im Gedächtnis bewahren, wenn wir heute den Volkstrauertag begehen.

Ich danke Ihnen allen für Ihr aktives Mitwirken an der heutigen Zeremonie, ganz besonders dem Gesangsverein Mittelheimer Harmonie und der Jugendgruppe der evangelischen Kirche für die musikalische Begleitung zum Volkstrauertag und wünsche Ihnen allen einen schönen Sonntag.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!